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Wir fühlen uns in Berlin wahnsinnig wohl aber der Winter kann hier tatsächlich etwas deprimierend sein. Also was tun gegen den Winterblues? Entweder ins Warme fahren oder es sich gemütlich machen. Wir haben uns kurzerhand für letzteres entschieden und sind mit Freunden aufs Land gefahren um etwas abzuschalten und die Ruhe und das langsame Leben zu genießen.

Schon vor einer Weile sind wir über ein schönes Haus in Mecklenburg gestolpert, die „Alte Schule“ in Rensow. Die Besitzer Christina & Knut haben aus dem, Anfang des 19. Jahrhunderts erbauten, Haus etwas ganz besonderes gemacht. Die schlimmen Erneuerungen wie Plastikfenster, Laminat, Teppichboden, abgehangene Decken, Raufasertapete und 80er Jahre Fliesen haben sie komplett entfernt, um die alte Bausubstanz zum Vorschein zu bringen und den Charm des Hauses wiederzubeleben. Ganz nach dem japanischen Ästhetik-Konzept Wabi Sabi. Diese Ästhetik lädt den Betrachter dazu ein, die Schönheit des Unauffälligen und leicht zu Übersehenden wahrzunehmen. Das Bewusstsein der Vergänglichkeit aller Dinge ist ein zentraler Punkt. Jeder Kratzer, jede Delle, jeder Rostfleck sind ein Zeichen von Erfahrung und erzählen Geschichten. Durch natürliche Prozesse und Gebrauch unterliegen Gegenstände zeitlichen Veränderungen, so entsteht Schönheit durch Benutzung.

Wer uns kennt weiß, dass wir Dinge mit Patina und Geschichte lieben. Es ist also kein Wunder, dass wir uns sofort in die alte Schule verguckt haben. Lehmwände mit Farbe aus den vergangenen Jahrzehnten, alte Öfen, schöne Holzdielen und eine sorgsam zusammengesammelte Einrichtung aus alten Schränkchen, Tischen, Textilien, Schalen, Tellern und Besteck. Im Grunde alles, was das Blogger oder Foodfotografen Herz schneller schlagen lässt.

Christina und Knut haben sich nicht nur der „Alten Schule“ angenommen, sondern ein paar hundert Meter weiter ein altes Gutshaus vor dem Zerfall gerettet, in dem sie seit 2009 leben. Seit einigen Jahren versammeln sich jeden Mittwoch Freunde und Nachbarn an dem großen alten Holztisch in der Küche, um sich von den beiden bekochen zu lassen. Wir sind genau am richtigen Abend angekommen, um uns direkt in einer großen Runde von interessanten Menschen wiederzufinden.

Viele sind einen ähnlichen Weg wie Christina und Knut gegangen und haben es sich zur Aufgabe gemacht eines der vielen Gutshäuser der Umgebung wieder nutzbar zu machen. Wir haben aber auch mit einigen Landwirten gesprochen, die spannende Konzepte verfolgen und hätten am liebsten direkt jeden Hof besucht. Es waren gut 30 Leute da, obwohl sich eigentlich nur 15 angemeldet haben. Knut meinte, so läuft das eben. Dann bringt der eine noch die Frau mit, der nächste einen Freund und auf einmal ist die Runde doppelt so groß. Wenn wir doch nur halb so entspannt wären, wenn es darum geht für eine größere Runde zu kochen…

Wir hatten jedenfalls einen unverhofft tollen und inspirierenden Abend. Was dazu geführt hat, dass wir zwar hundemüde in der „Alten Schule“ ins Bett gefallen sind, aber trotzdem nicht einschlafen konnten. Zu viele Gedanken. Und irgendwie ist die Sehnsucht nach einem kleinen Haus auf dem Land auch wieder ein Stück gewachsen.

Am nächsten Morgen kamen dann unsere Freunde Kathrin und Simon in Rensow an und mussten sofort merken, dass Entschleunigung nicht unbedingt etwas mit Ruhe und Erholung zu tun hat. Feuerholz und Kohlen müssen geholt werden um die Öfen anzufeuern, denn eine Heizung gibt es in dem alten Haus nicht. Auch keinen Gas- oder Elektroherd, sondern antike, gusseiserne, holzbefeuerte Küchenhexen. Da gerade einer der Warmwasser-Boiler ausgefallen war, musste auch das Spülwasser auf dem Ofen erwärmt werden.

Als Belohnung gab es erst einmal ein ordentliches Frühstück. Für leckeres Sauerteigbrot und Pfannkuchen nimmt man doch gerne ein bisschen Arbeit in Kauf. Eigentlich ging es so dann auch die nächsten Tage weiter. Unser Alltag in Rensow bestand hauptsächlich aus Holz holen, Öfen einheizen, kochen, spülen, spazieren und gemütlichen, geselligen Abenden. Also irgendwie doch Entspannung pur, vielleicht sogar hier und da meditativ, aber vor allem Glück für die Seele. Denn etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen und sei es nur Wärme durch ein bisschen Holz und Feuer im Ofen, fühlt sich anders an, als viele Stunden am Tag vor dem Rechner zu sitzen und in den Tiefen des Sozialen Netzwerks zu versinken.

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Mittags gab es dann eine leckere Suppe mit Kichererbsen und Pilzen. Dafür haben wir Kräuterseitlinge und Champignons in Scheiben geschnitten und mit fein gehackter Schalotte und Knoblauch in einem großen Topf in etwas Olivenöl angeschwitzt. Mit einem guten Schluck Weißwein abgelöscht und mit Gemüsebrühe aufgegossen. Anschließend haben wir getrocknete Steinpilze und Tomaten, Lorbeerblätter und gekochte Kichererbsen hinzugegeben und die Suppe etwa 15-20 Minuten köcheln lassen. Am Ende wurde mit Salz, Cayennepfeffer, Thymian, geräuchertem Paprikapulver und Kurkuma gewürzt.

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Auf einem unserer Spaziergänge haben wir die Schafscheune in Vietschow besucht. Es hieß es wäre Backtag und das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. An einem Tag in der  Woche backen die Besitzer in dem selbstgebauten Holzofen Brote und Hörnchen. Die wurden gerade frisch herausgeholt, als wir auf dem Hof ankamen. Perfekt! Claudia und Steffen haben bis vor wenigen Jahren noch etwas ganz anderes gemacht, bevor sie ihren Traum von einer kleinen ökologischen Landwirtschaft verwirklicht haben. Ihre ostfriesischen Milchschafe fühlen sich in der Gegend richtig wohl und können auf dem weitläufigen Land das ganze Jahr über genau das tun, was sie am meisten lieben: fressen, fressen, fressen. Claudia und Steffen verwöhnen ihre Schafe so richtig, denn nur so geben sie die beste Milch, aus der Rohmilchkäse in der eigenen Hofkäserei in Handarbeit hergestellt wird.

Wir haben lange mit den beiden, die jahrelang selbst Vegetarier waren, über die Milchproduktion gesprochen. Wir waren sehr beeindruckt davon, wie die beiden Quereinsteiger ihren Bioland Hof führen. Nicht, dass er möglichst viel Gewinn bringt, sondern so, dass das Wohl der Tiere an oberster Stelle steht. Die Lämmer bleiben möglichst lange bei ihren Müttern und werden dadurch bestens mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt. So bleibt für die Käseproduktion viel weniger Milch übrig aber die Lämmer hüpfen fröhlich über die Wiesen. Jedes der Schafe hat natürlich einen Namen und sie sind wirklich wunderschön. Der Hof verkörpert das romantische Bild eines Städters von einem Bauernhof und es ist schön zu sehen, dass Landwirtschaft auch jenseits der Massentierhaltung möglich ist und tatsächlich praktiziert wird.

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Wir hatten uns extra einfache Gerichte für unsere Zeit in Rensow überlegt und hätten niemals gedacht, dass gerade das Ofengemüse zu einer kleinen Herausforderung werden könnte. Eigentlich ein absoluter Klassiker im Winter bei uns. Buntes Wurzelgemüse auf einem Backblech verteilen, mit etwas Olivenöl, Balsamico, Salz und Pfeffer vermischen, ab in den Ofen, fertig. Wenn dann der Ofen so funktioniert, wie man möchte. Knut hatte uns extra ein Ofenthermometer mitgegeben, damit wir einen groben Überblick über die Hitze im Backrohr bekommen können. Doch leider wollte die Temperatur 100 °C einfach nicht überschreiten. Die Kohlen im Ofen glühten, doch das Backofen-Fach bekam einfach nicht die nötige Hitze. Da hieß es dann irgendwann erfinderisch werden. Also haben wir kurzerhand noch mehr Briketts angefeuert und die Glut auf der Backofendecke schön flächig verteilt. Und siehe da, innerhalb weniger Minuten kam ein köstlicher Duft nach geröstetem Gemüse aus dem Backofen. Zu dem Ofengemüse haben wir noch Grünkern gekocht und als Topping Mandeln mit Ahornsirup und geräuchertem Paprikapulver glasiert. All die Mühe mit dem Backofen hat am Ende natürlich dazu geführt, dass es diesmal besonders lecker geschmeckt hat! Wenn man alles viel bewusster zubereitet, dann lässt man sich das Mahl umso mehr auf der Zunge zergehen. Noch dazu in einer wunderschönen Essecke mit traumhaftem Licht und zusammen mit lieben Menschen.

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Christina und Knut haben abends öfter einmal mit einer Flasche Wein bei uns vorbeigeschaut. Die beiden sind voller Tatendrang und wahnsinnig kreativ, wir haben uns also einige Pläne für gemeinsame Projekte in der Zukunft zurechtgesponnen. Wir möchten die beiden in nächster Zeit definitiv noch öfter besuchen. Sie fragten uns auch, ob wir nicht Lust hätten am letzten Abend vor unserer Abreise mit ihnen zusammen zu kochen, damit auch sie und ein paar Freunde unser Essen kosten könnten. Es würden auch nur um die 20 Leute kommen. Ufff. Wie gesagt, wir sind nicht so routiniert darin so viele Menschen zu bekochen, wollten aber das spannende Angebot auf keinen Fall ablehnen. Wir haben uns also von der Gelassenheit der beiden anstecken lassen und spontan geschaut, was in der Vorratskammer zu finden ist und wie wir daraus ein abwechslungsreiches Abendessen zusammenbekommen. Wir haben uns zum einen für eine geröstete Möhrensuppe und zum anderen für Belugalinsen mit geraspelter Rote Bete und Holunderbeerensaft, gebackenem Rotkohl und Meerrettich entschieden. Knut und Christina haben Sauerteigbrot mit etwas Honig und Kümmel angeröstet und einen Salat aus eingelegten Bohnen, Kapern, Chicoree und viel Knoblauch gezaubert. Ihr Sohn Bendix ist die ganze Zeit zwischen uns herumgewuselt und hat überall geholfen. Er möchte später einmal Koch werden. Die Küchenabfälle konnten wir nach dem Kochen direkt an die Schafe verfüttern. Ganz schön toll solche Schafe.

Den Meerrettich für unser Linsengericht mussten wir erst noch besorgen. Nicht auf dem nächsten Markt, wie wir es in Berlin gemacht hätten, sondern direkt frisch vom Feld! Jörg, ein Freund der Familie, hat sich einen Spaten geschnappt und ist mit uns losgezogen. Er ist der Mann von Grete, sie betreibt eine Öko-Gärtnerei mit Samenbau und Gemüseverkauf. Ihr Ziel ist es alte Gemüsesorten zu erhalten und das möchte sie mit einer bäuerlichen und nachhaltigen Produktionsweise erreichen.

Der Hof funktioniert als Gesamtgebilde, mit sich ergänzenden Betriebsteilen, wodurch z.B. auf einen Zukauf von Düngemitteln verzichtet werden kann, da die Hofschafe und Pferde das auf natürlichem Weg erledigen. Das Saatgut kann man zum Beispiel bei Dreschflegel bestellen und das Gemüse auch in Berlin bekommen. Donnerstags von 12-19 Uhr am Kollwitzplatz auf dem Markt der Grünen Liga oder in der Markthalle Neun jeden Samstag von 10-18 Uhr, solange der Vorrat reicht. Grete möchte das Sortiment möglichst abwechslungsreich gestalten und bietet daher neben Gemüse und Kräutern auch saisonales Obst und Säfte (verschiedene Apfelsorten, Apfel-Quitte, Rote-Beete u.a.) an.

Aber zurück zu unserem Kochabend! Eine kleine Aufregung schwingt immer mit, ob das Essen für alle reicht und es allen schmeckt, aber im Grunde hatte die Gelassenheit von Christina und Knut langsam auf uns abgefärbt. Wir wussten, das wir ein unkompliziertes aber leckeres Essen vorbereitet hatten. Und dennoch konnten wir die Gäste mit der ein oder anderen Idee überraschen und inspirieren. Wir haben den Abend sehr genossen, sowieso natürlich die ganzen Tage dort, in diesem kleinen Dorf in Mecklenburg.

Nachts fing es dann an zu schneien und am nächsten Morgen sah alles ganz verzaubert aus. Die Böcke von Christina und Knut sind über den gefrorenen Teich ausgebüxt und standen auf einmal vor unserer Tür. Wir haben sie mit ein paar Äpfeln gefüttert, bevor wir Sack und Pack im Auto verstaut haben und hätten sie am liebsten mit eingeladen. Der Abschied fiel uns ziemlich schwer. Die große dänische Dogge Triglaf hat sich im Gutshaus extra fest an uns gedrückt, sodass wir beide beinahe umgefallen wären. Wir haben so viele Menschen (und Tiere) ins Herz geschlossen, dass wir uns ganz schnell wieder auf den Weg in den Norden machen müssen.

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*Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Manufactum. Wir haben euch eine kleine Übersichtsseite erstellen lassen, auf der alle hier gezeigten Produkte aufgelistet sind. Wenn euch die Produkte auf den Fotos gefallen, schaut doch dort einmal vorbei. 

Auch wenn wir dafür entlohnt wurden, geben wir nur unsere eigene unbeeinflusste Meinung wieder. Über Inhalt und Text des Beitrags hatten wir völlig freie Hand.

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Wir haben lange nach einem passenden Häuschen für die Zeit in Apulien gesucht. Wo man viel Platz zum Kochen, um mit den regionalen Gemüsesorten zu experimentieren und vor allem aber einen Steinofen hat, um Pizza, Focaccia und anderes zu backen. Natürlich sollte es ein Trullo sein, das sind die typischen Rundhäuser mit Steindach. Ein Trullo zu finden ist nicht das Problem, aber eines zum verlieben, das ist schon schwieriger. In einer Nacht hat Susann bis fast 4 Uhr nach unserem kleinen Traumhäuschen gesucht. Ihr sind schon fast die Augen zugefallen, als sie schließlich auf die Agentur Cielo die Puglia gestoßen ist. Danach mussten wir nur noch eines der sorgfältig ausgewählten Objekte herauspicken. Voller Vorfreude haben wir eine Anfrage geschrieben und sofort eine wahnsinnig liebe Antwort zurückbekommen. Von Isabell. Sie hat nicht nur die Buchung des Trullo geregelt, sondern uns auch mit vielen tollen Adressen versorgt. Wir erzählten ihr direkt, was wir vorhaben – so viel wie möglich über die apulische Küche zu lernen. Das geht natürlich nur, wenn man mit den Menschen hinter dem Herd spricht. Ihren Geschichten lauscht und ihnen über die Schulter schaut. Auch junge Menschen sprechen in Apulien wenig Englisch, es ist also schwierig Kontakte zu knüpfen, ohne selbst der italienischen Sprache mächtig zu sein. Isabell war das perfekte Verbindungsglied und hat geholfen, wo sie nur konnte. Vielleicht sogar schon ein bisschen zu viel, denn es war wirklich schwer zu entscheiden, was wir in den paar Tagen machen möchten. Zu viele Möglichkeiten, zu wenig Zeit.

Nach 4 Tagen in der Höhlenstadt Matera sind wir also wieder auf der Straße in Richtung Küste. An Olivenhainen entlang, an alten Masserien vorbei, durch Siedlungen mit Trulli und endlich steht unser Häuschen vor uns.

Wir werden empfangen mit Geschenken aus dem Garten der Besitzerin, regionalen Spezialitäten, dabei auch Olivenöl aus eigenem Anbau. Wir schauen uns kurz um, wundern uns über die Kälte im Trullo, fahren aber einfach direkt los zum Einkaufen. Schließlich wollen wir nach den Tagen im Hotel endlich wieder selbst am Herd stehen. Wir sind schnell in Ostuni, der weißen Stadt und packen hauptsächlich frisches Gemüse und Obst in den Einkaufskorb. Der Hinweg ging ganz schnell, nur eine Hauptstraße entlang. Zurück meint es das Navi wohl gut mit uns und führt uns an jedem Trullo der Gegend vorbei. Wir fahren verzweigte Wege entlang, links, rechts, rechts, links, über enge Schotterpisten. Vorhin war es doch so einfach. Scheiss Technik! Es wird immer dunkler und wir wollten eigentlich schon längst zurück sein. Endlich angekommen möchten wir unsere dicken Jacken im Trullo gar nicht ausziehen, denn es sind nicht viel mehr als 12 Grad. Es stellt sich heraus, dass der Gastank leer ist. Das heißt, keine Heizung, kein warmes Wasser. Die Besitzerin wartet schon seit Tagen auf die Gaslieferung und wird immer wieder vertröstet. Hallo Italien! Wir schalten alle elektrischen Heizgeräte ein, die wir finden können und zünden ein paar Kerzen an. Natürlich fliegt direkt die Sicherung raus. Wir sind hungrig, frieren und haben uns den Tag etwas anders vorgestellt… Morgen ist Weihnachten :-( Die Vermieterin des Ferienhauses setzt alle Hebel in Bewegung und lässt provisorisch eine Gasflasche bringen, dazu ein weiteres großes elektrisches Heizgerät. Wir machen es uns gemütlich, kuscheln uns ins Bett, das zum Glück auch mit Heizdecken ausgestattet ist. Licht aus, Augen zu und hoffen, dass sich unser Steinhaus bis zum Morgen schon etwas aufgeheizt hat.

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Neuer Tag, neues Glück. Um 7 wecken uns mal wieder die Sonnenstrahlen und wir schauen uns die Natur rund ums Trulli an. Wo steckt eigentlich dieser Esel, der so einen Lärm macht und heute Morgen Hahn gespielt hat?! Die Sonne tut so gut, auch wenn es frisch ist. Heutiges Tagesziel: Steinofen anfeuern, Pizza und Focaccia backen und den schönen Sonnentag an der frischen Luft genießen. Wir haben schon zweimal in Spanien im Steinofen gebacken. Bisher haben wir das Teil allerdings noch nie selbst befeuert. Yannic ist aber zuversichtlich, dass er gut aufgepasst hat und weiß, wie es geht. Dann lassen wir ihn mal machen…

Aber erst einmal muss natürlich Teig angesetzt werden, schließlich soll er schön lange gehen. Dafür haben wir uns extra etwas von unserem, nun schon 5 Jahre alten, Sauerteig von zu Hause mitgebracht. Über Nacht haben wir bereits einen Vorteig damit angesetzt, der schon ordentlich vor sich hinblubbert. Zum Vorteig kommen nun Mehl, Wasser, Salz, etwas Trockenhefe. Alles ordentlich durchkneten und eine Menge Ruhezeit vor der warmen Heizung, fertig ist der perfekte Pizzateig.

Und damit zurück zum Feuer. Nach einer halben Stunde züngeln die Flammen an der Decke des Ofens und es ist schon eine ordentliche Hitze entstanden. Zeit schon einmal die Kastanien ins Feuer zu schmeißen, eine kleine Vorspeise, um den ersten Hunger zu stillen. Nach zwei Stunden kann das fröhliche Backen dann beginnen. Schnell noch ein Glas Rotwein eingeschenkt, die Ärmel hochgekrempelt und los geht’s.

Wenn man nicht aufpasst, bekommt man vom heißen Ofen übrigens schnell eine Armenthaarung gratis. Als erstes probieren wir eine ganz einfache Focaccia mit Olivenöl und grobem Meersalz, um uns ein bisschen auf den Ofen einzugrooven und ein Gefühl für Hitze und Timing zu bekommen. Ein paar Minuten später zieht Yannic eine nahezu perfekte Focaccia aus dem Steinofen. Na dann kann’s ja wirklich losgehen. Strahlend formt er mit den Händen den nächsten Teigling und belegt ihn mit Tomaten und Oliven. Ab damit auf den heißen Stein und gespannt zusehen, wie der Teig aufgeht und goldbraun wird. Während wir gebannt in den Ofen starren, merken wir wieder einmal, mit welch’ einfachen Dingen man uns doch glücklich machen kann. Die Sonne verschwindet so langsam und wir merken, dass es eigentlich Ende Dezember und Winter ist. Also dann noch schnell unsere Pizzen backen und ab ins Warme. Drauf kommen Cardoncello Pilze, das sind braune Kräuterseitling, die typischen Pilze für die Region Apuliens. Außerdem haben wir Spitzpaprika im Ofen geröstet und anschließend gehäutet. So bekommen die Schoten ein super leckeres Aroma. Oliven, Kapern, frische Tomaten und ein wunderbarer Bio Mozzarella dürfen natürlich ebenfalls nicht fehlen.

Glücklich und bis über beide Ohren strahlend sitzen wir anschließend in der warmen Küche mit zwei mega leckeren, knusprigen Pizzen und 3 Focaccia für den nächsten Tag. Es ist heilig Abend, vielleicht hätten wir noch ein paar Kerzen in eine Focaccia stecken sollen, damit es festlicher wird… Frohe Weihnachten!

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Den nächsten Tag lassen wir ganz entspannt angehen. Nach einem kleinen Spaziergang schauen wir uns erst einmal das Gemüse an, das unsere Vermieterin aus ihrem Garten dagelassen hat. Darunter finden wir Puntarelle, ein Gemüse, das wir bisher noch nicht kannten. Es ist ein apulisches Wintergemüse, von dem man vor allem die Blütenknospen isst. Puntarelle ist eine Form des Chicorée und kann sowohl roh als Salat zubereitet oder aber auch gekocht werden. Es ist immer sehr spannend etwas zuzubereiten, was man vorher noch gar nicht gegessen hat. Genau darum haben wir uns auf diese kulinarische Reise gemacht. Wir haben extra nicht nach einem traditionellen Rezept mit Puntarelle recherchiert, sondern möchten gerne mit den Eindrücken, die wir bisher von der apulischen Küche bekommen haben, unsere eigene Interpretation wagen. Wir überlegen uns ein Gericht mit Cardoncello Pilzen, Lauchzwiebeln und den skurrilen Knospen der Puntarelle, die aussehen wie riesige Spargelspitzen.

Dazu gibt es, wie könnte es anders sein, Orecchiette. Das Gemüse wird in Scheiben geschnitten und mit etwas Knoblauch und Chili in Olivenöl angebraten. Danach kommt die gekochte Pasta mit in die Pfanne. Als Topping gibt es Tiralli, eine weitere regionale Spezialität. Es sind kleine Gebäckkringel, die aus Hartweizen, Olivenöl, Weißwein und Salz bestehen und vor dem Backen in siedendes Wasser getunkt werden. Wir zerstoßen die Tiralli und rösten sie mit Pinienkernen in etwas Olivenöl an. Fertig ist ein super leckeres und schnelles Mittagessen. Die apulische Küche wird oft als arme Leute Küche bezeichnet, wir finden puristisch passt besser. Wenige Zutaten werden zu einfachen, köstlichen Gerichten kombiniert. Ohne viel Schnickschnack und aufwändige Zubereitung.

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Am 26. Dezember machen wir uns auf den Weg in die wunderschöne Masseria Potenti. Masserien sind alte Bauern- oder Landhäuser, davon gibt es in Apulien wahnsinnig viele. Die meisten dieser Gebäude entstanden zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert. Viele Besitzer produzieren selbst Wein, Olivenöl oder andere lokale Erzeugnisse und bauen ihr eigenes Gemüse an. Wir sind voller Vorfreude über kleine Straßen mit großen Schlaglöchern unterwegs in die Masseria Potenti. Empfangen werden wir auch hier wieder wahnsinnig freundlich, mit Küsschen und Umarmung, von der Hausherrin Maria. So, als würden wir uns schon seit Jahren kennen und nach einer langen Zeit wiedersehen. Für Maria ist es etwas schwer Yannics Namen auszusprechen, also verpasst sie uns kurzerhand erst einmal italienische Namen: Susanna & Giovanni. Sie nimmt uns direkt mit in ihre große Küche, in der sie sich täglich austoben kann. Wie wohl alle Italiener kocht sie einfach aus dem Bauch heraus, hält sich nicht strikt an Rezepte, es sei denn, sie sind von der Urgroßmutter, und probiert gerne neue Dinge aus. Sie erzählt uns, dass sie es liebt mit ganz vielen frischen Kräutern zu kochen, das macht ihre Küche aus. Für uns bereitet sie deshalb eine neue Focaccia Kreation zu, mit vielen Kräutern und Lavendel. Wir beobachten sie eine Weile dabei, wie sie routiniert den Kochlöffel schwingt, fragen sie dabei aus und lassen uns dann von ihrer Tochter Chiara jeden Winkel des einzigartigen Gutshofs zeigen. Wir kommen aus dem Staunen gar nicht heraus. All’ die liebevollen Details. Jede Fliese, jede Decke, jedes Bild an der Wand, Teppiche auf dem Boden, sind einfach perfekt ausgewählt und jedes Detail für sich hat eine eigene Geschichte zu erzählen. Chiara berichtet mit so viel Herzblut davon, dass die Uroma selbst an dem alten Webstuhl gesessen hat, die Keramik in einem großen alten Schrank schon lange in Familienbesitz ist und wie Maria sich auf die Suche nach immer neuen einzigartigen Objekten begibt, um der Masseria ihren ganz eigenen Charme zu verleihen. Sogar das Licht ist dort ein ganz anderes. Durch die weiß gekalkten Wände wird es so reflektiert, dass die ganze Masseria zu strahlen scheint. Irgendwie hat man eher das Gefühl in Marokko zu sein, als in Italien. Wehende weiße Stoffe, ein Wald aus Kakteen, Zitronen- und Orangenbäume, die einen großartigen Duft verbreiten, ein ganz eigenes Universum. Nachdem wir einiges gesehen haben, werden wir an einen kleinen Tisch geführt, der für zwei gedeckt ist. Dann kommen nacheinander die ganzen Köstlichkeiten, die Maria vor unseren Augen in ihrer Küche liebevoll zubereitet hat.

Natürlich gibt es hausgemachte Tiralli, die Focaccia mit den Kräutern, die traditionelle Bohnenpaste aus getrockneten Saubohnen mit gekochter Puntarelle (da ist sie wieder, unsere neu gewonnene Freundin), eine Tarte gefüllt mit Zucchini und Ricotta und als krönenden Abschluss das wohl leckerste Zitroneneis, das wir jemals gegessen haben. Wir haben das Gefühl in pure Zitrone zu beißen und liegen mit diesem Gedanken gar nicht so falsch. Chiara hatte am Vorabend einige Zitronen im Garten gepflückt, in Stücke geschnitten, eingefroren und dann mit wenig Zucker püriert. Das Eis in der warmen Sonne zu essen, während wir auf die Zitronenbäume schauen, von denen die Früchte geerntet wurden, ist unglaublich schön. Regionaler geht’s gar nicht. Maria hat dieses Gelato früher oft gemacht, damit der Sohn mehr Obst isst. Eine trojanische Vitamin C Bombe sozusagen. Er ist übrigens gerade über Weihnachten für ein paar Tage aus Thailand, wo er jetzt lebt und arbeitet, gekommen. Als wir das hörten, haben wir erst begriffen, dass die Masseria über Weihnachten eigentlich gar nicht geöffnet hat. Wir sind quasi die Ehrengäste und die ganze Familie hat sich Zeit für uns genommen. Das ist so herzerwärmend. Bei einem Besuch auf diesem Anwesen, spürt man zu 100% die gastfreundschaftliche Mentalität der Italiener.

Nach dem Essen zeigt Chiara uns dann sogar noch ein wenig die Gegend. Auf den Olivenhainen der Familie stehen einige 100 Jahre alte Bäume. Aus den Oliven wird natürlich eigenes Öl produziert, auch Rot-, Rose- und Weißwein stellen die Tommasinos selbst her. Im Sommer wird das eigene Gemüse geerntet. Wir fahren an all’ den Olivenbäumen weiter zu einem karibischen Strand, einem Naturreservoir mit Flamingos. Noch nie haben wir Flamingos in freier Wildnis gesehen. Während die Sonne untergeht fahren wir am Meer entlang zurück zur Masseria, verabschieden uns herzlich und machen uns, mit einer Flasche Wein im Gepäck, einer herrlich duftenden Zitrone in der Tasche und ganz viel Liebe im Herzen auf den Rückweg. Das Angebot einfach zu bleiben haben wir schweren Herzens abgelehnt. Keine Zahnbürsten dabei, den Kühlschrank voller Essen, Termine und ach, wir Deutschen eben. Mit so viel Herzlichkeit muss man erst einmal umgehen können. Das jemand sein ganzes Weihnachtsfest für uns auf den Kopf stellt, ist nicht so leicht zu verdauen. Aber wir kommen wieder! Das haben wir Maria und Chiara versprochen. Vielleicht hättet ihr ja Lust dabei zu sein? Denn dieser Ort wäre perfekt für einen Krautkopf Workshop. Wir spinnen schon Pläne…

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Am nächsten Morgen lacht uns die Zitrone aus der Masseria an. Wir haben noch einiges übrig, das wir aufbrauchen möchten. Zwei Äpfel, Semola di grano duro, Ahornsirup und Eier. Erste Assoziation: Pfannkuchen. Ob die auch mit Hartweizendunst funktionieren, werden wir sehen. Wir schlagen also die Eier auf, mischen etwas Hartweizendunst, Salz, Mandelmilch und Zitronenabrieb hinzu. Die Äpfel in kleine Würfel schneiden, den Saft der Zitrone mit Ahornsirup mischen. Eine Pfanne mit etwas Olivenöl erhitzen, die Äpfel auf dem Pfannenboden verteilen und den Teig aufgießen. Ein paar Minuten braten, dann in den vorgeheizten Backofen, damit der Pfannkuchen auf beiden Seiten gart. Stürzen, mit dem Zitronen-Ahornsirup tränken und mit Zitronenscheiben und Rosmarin aus dem Garten garnieren.

Ab nach draußen in die Sonne und frühstücken. Danach feuern wir den Steinofen noch einmal an. Langsam kommt Routine auf. Yannic hat trotzdem immer noch unglaublichen Spaß Feuer im Ofen zu machen und dann minutenlang gefesselt in die Flammen zu starren. Da davon der Bauch alleine nicht voll wird, kümmert Susann sich schon einmal um die Zutaten. Auberginen,Tomaten, frische Datteln, Knoblauch und Zwiebeln in eine große Pfanne geben, Olivenöl und Aceto Balsamico dazu und ab damit in den heißen Steinofen. Heraus kommen zarte, geschmorte Auberginen mit leicht rauchigem Aroma. Mit der übrig gebliebenen Focaccia saugen wir jeden Tropfen der köstlichen süß-sauren Sauce auf. Rotwein ist auch noch übrig. Mensch, geht’s und gut.

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Am letzten Tag unserer Reise treffen wir uns mit Davide und Katia vom Giardini 36 und machen uns gemeinsam auf die Suche nach wildem Gemüse und Kräutern für ein traditionelles apulisches Gericht. Den Abend davor hatten wir bereits im stilvollen und modernen Restaurant der beiden gegessen und waren gespannt mehr über das ganze Konzept zu erfahren. Die Speisekarte ist mit wenigen ausgewählten, saisonalen Gerichten wunderbar übersichtlich und dennoch ist für jeden etwas dabei. Sogar zwei vegane Optionen gab es und andere Gerichte konnte man auf Wunsch auch vegan / vegetarisch bekommen. Aus regionalen biologischen Zutaten, meist sogar aus eigenem Anbau, werden neben klassischen Gerichten wie dem „purea di fave con cicoria“ eigene Kreationen angeboten. Nach 8 Tagen Weißmehl genießen wir im Giardini das erste Vollkornbrot auf unserer Italienreise. Herrlich!

Wir fahren morgens mit Davide, Katia und Davides Bruder Luciano, der uns als Übersetzer begleitet, auf das Land der beiden um wilde Cicorie und Kräuter zu sammeln. Nebenbei wird uns viel über Landwirtschaft, Pflanzenkunde und regionale Traditionen erklärt. Katia zeigt uns eine großblättrige, weiche Pflanze, deren Blätter als Verbände genutzt werden können, aus anderen Pflanzen kann man Essenzen gegen Bluthochdruck gewinnen.

Die Familie besitzt 30 Hektar Land, welches biologisch bewirtschaftet wird. Jetzt im Winter werden die Wiesen wild wachsen gelassen, damit der Boden sich erholen kann und neue Nährstoffe bildet. Im Frühling wird dann umgegraben und neu gesät. Außerdem wachsen viele Kräuter und Gemüse wild und nicht nur in klassischen Beeten. Neben einer Vielzahl an Kirsch- und anderen Obstbäumen findet man auf dem großen Grundstück natürlich auch alte Olivenbäume. Davide erklärte uns, dass es sehr aufwändig ist die Oliven zu ernten, da die meist mehr als 100 Jahre alten Bäume nicht durch die typischen Rüttelmaschinen abgeerntet werden dürfen.

Das Besondere an seinem Öl ist, dass die Oliven unmittelbar, in weniger als 6 Stunden, nach der Ernte kalt gepresst werden. So erzeugt er Bio-Olivenöl von allerbester Qualität. Neben dem eigenen Olivenöl stellen die beiden für ihr Label DFood auch Liköre, Marmeladen, Honig von den eigenen Bienen u.a. her.

Auch wenn die Art wie Katia und Davide ihr Restaurant führen viel Zeit und Wissen voraussetzt, ist es die wohl beste. Man hat nicht nur den vollen Einfluss auf die eigenen Rezepte, sondern auch auf die Qualität aller Zutaten, die ein Gericht schließlich ausmachen. Es wird morgens aus eigenem Anbau frisch geerntet, was abends auf dem Teller der Gäste landet.

Und das dürfen wir nun auch erleben. Zurück im Restaurant kocht Katia für uns gleich zwei ihrer Gerichte. Sie lässt uns dabei in ihre Töpfe gucken und erklärt uns alles Wichtige zur Zubereitung. Es gibt die wilde Cicorie, die wir zusammen geerntet haben, auf einem Bohnenpüree und eine eher modernere Eigenkreation mit einem Kartoffelschaum, Romanesco Röschen und halbgetrockneten Tomaten. Dazu viel gutes Olivenöl. Wie schon am Vorabend schmeckte es super köstlich und wir müssen uns zurückhalten nicht die Teller abzulecken. Es ist wundervoll zu sehen, wie viel Liebe und Leidenschaft Katia in die Zubereitung steckt.

Auch heute fahren wir wieder mit den Taschen voller Geschenke zurück zum Trullo. Neben zwei Flaschen ihres Olivenöls, einigen Marmeladen und einem Kaktusableger, haben die beiden uns auch alle Zutaten für einen Zitronen-Kräuter-Likör eingepackt, den wir am Abend zuvor als Digestif im Restaurant getrunken haben. Hinein kommen die Schalen der Zitronen aus ihrem eigenen Anbau, wilder Fenchel den wir zuvor frisch geerntet haben, Lorbeerblätter, Rosmarin und getrocknete Kamille Blüten.

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Während es draußen immer stürmischer wird und Hagelkörner auf den Boden prasseln, sitzen wir in unserem warmen Trullo und denken begeistert an die letzten Tage zurück. Wir wurden mit so viel Gastfreundschaft begrüßt, Menschen haben uns in ihr Heim eingeladen und mit leuchtenden Augen über ihre Küche berichtet. Für uns war es ein außergewöhnliches Erlebnis, an das wir gerne anknüpfen möchten. Wir hoffen ihr habt Lust auf weitere kulinarische Reisen. Wir haben zumindest Blut geleckt und diskutieren schon über nächste Ziele.

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Nach einer einstündigen Autofahrt über kaputte Straßen und Baustellen landen wir endlich in Matera, dem ersten Ziel unserer Reise und dürfen plötzlich nicht weiterfahren. Nur mit Sondergenehmigung, die wir natürlich nicht haben. Nachdem wir uns durch die Einbahnstraßen dreimal im Kreis drehen, stellen wir das Auto in einer der alten Gassen ab, um uns zu Fuß einen Überblick zu verschaffen. Die nächste Seitenstraße führt uns in eine andere Welt. Vor uns liegt sie, die uralte Höhlenstadt. Es sieht so aus wie ein verschachteltes Konstrukt aus Steinhäusern, die in den Fels geschlagen, mit der Umgebung verschmelzen. Matera gehört zur süditalienischen Region Basilikata und ist bekannt für seine Altstadt, die zu einer der ältesten weltweit und damit zum UNESCO-Welterbe gehört. Sie besteht zu einem Großteil aus Höhlensiedlungen, den Sassi, in denen unzählige Felsenkirchen mit alten Wandmalereien zu finden sind. Wir streifen fasziniert durch die menschenleeren Gassen der Altstadt, die im Moment nur durch ein paar wehende Wäscheleinen und Kätzchen belebt scheinen. Die glatten Pflastersteine und eine lose Schuhsole führen bei Yannic zu einem ungeplanten Adrenalinschub und einigen blauen Flecken, als er die Straße herunterschlittert und sich naja, sagen wir es, wie es ist, erst einmal gehörig auf die Fresse legt. Aber auch das gehört wohl zu einer unvergesslichen Reise dazu und ist ein bisschen Tradition bei uns und das Zeichen, sich auf ins Hotel zu machen und die geschundenen Muskeln bei einem heißen Bad zu entspannen. Über das Hotel mit seinem besonderen Design, Sextantio Le Grotte Della Civita, haben wir die einzigartige Stadt überhaupt erst entdeckt.

Irgendwie finden wir oft auf Umwegen zu unseren Reisezielen. Entdecken eine tolle Unterkunft und gelangen so an Orte von denen wir noch nie gehört haben. So wie wir vor vielen Jahren über ein Foto eines kleinen Hauses aus schwarzem Stein, direkt an den Klippen des Atlantiks gebaut, auf die Azoreninsel Pico gestoßen sind.

In der Grotte Della Civita wohnt man nicht einfach in einem Hotelzimmer, nein, man wohnt in einer der alten Höhlen, die das Stadtbild zeichnen. In den 50er Jahren wurden die Einwohner der Sassi zwangsumgesiedelt, weil die Höhlensiedlungen ohne Strom und fließend Wasser als Schandfleck Italiens galten, der von der Landkarte verschwinden sollte. Menschen wohnten dort unter miserablen Bedingungen, gemeinsam mit ihren Tieren und bis zu einem Dutzend anderer Personen in einer Höhle. Lange stand die historische Altstadt leer und wird nun Stück für Stück wieder aufgebaut und belebt. Dank Projekten wie Sextantio, können die historischen Höhlen erhalten und wieder genutzt werden. Dabei wird viel Wert auf die authentische Restaurierung der alten Bausubstanz gelegt, dennoch befinden sich in den Hotelzimmer-Höhlen ausgeklügelte Heiz- und Lüftungssysteme. Man fühlt sich durch die Beleuchtung in den Gewölben mit vielen Kerzen und indirektem warmem Licht, die massiven Holzmöbel, antike Leinenstoffe und handgemachte Keramik, in eine andere Zeit versetzt. Eine schlichte Eleganz spiegelt sich in jedem noch so kleinen Detail wieder.

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Es ist ein unglaubliches Gefühl mit dem großen, alten Schlüssel die schwere Holztür zu unserer Grotte aufzuschließen und in diese Welt einzutauchen. Der riesige Raum, ins Gestein geschlagen, mit seinen 7 Meter hohen Gewölbedecken, ist so beeindruckend und gemütlich, dass darüber sogar die Panoramaaussicht auf den Nationalpark Murgia in den Hintergrund rückt. Wir richten uns also erst einmal ein und heben uns den wunderbaren Ausblick für den nächsten Morgen auf. Wir genießen ihn ausgiebig auf dem Weg zum Frühstücksraum, einer der alten Höhlenkapellen. Jetzt kommt endlich der Hauptgrund für unsere Reise nach Italien, das Essen! Wir lieben die puristische italienische Küche, mit Fokus auf das Wesentliche: die guten Zutaten. Das hat sich auch beim Frühstück in der Grotte Della Civita widergespiegelt. Wir finden dort ausgewählte regionale Produkte, wie das Pane di Matera mit seiner ungewöhnlichen Form, das aus doppelt gemahlenem Hartweizengrieß gebacken wird. Das Korn dafür wird in Matera selbst angebaut und ganz speziell gelagert. Weitere regionale Spezialitäten wie Burrata und auch Focaccia, die mit Kartoffeln oder Tomaten belegt sind, dürfen auf dem Frühstücksbuffet natürlich nicht fehlen. Ebenso wenig die klassischen Gebäcke und Kuchen wie Crostata und Cantuccini. Mit einem frisch gepressten Orangensaft und dampfendem Tee lassen wir es uns schmecken.

Da wir nicht stillsitzen können, machen wir uns direkt danach auf den Weg die Umgebung zu erkunden. Wir lieben die raue Natur, spüren gerne ihre enorme Kraft. Wir dachten, das würde uns bei dieser Reise etwas fehlen. Süditalien hat eine schöne Landschaft, aber man sieht viel flaches Land mit unzähligen Olivenbäumen.

Wir wollten uns dieses Mal also mehr auf den Austausch mit den Einheimischen und die Erkundung der kulinarischen Kultur beschränken und haben die Wanderschuhe zu Hause gelassen. Als wir den steinigen Weg zu einer großen Holzbrücke, die über ein zerklüftetes Flusstal führt, hinunterlaufen, merken wir schnell, dass das ein Fehler war. Die steinige Landschaft des Murgia ist beeindruckend schön, man kann dort stundenlang auf kleinen Pfaden herumwandern, um die Vielzahl an Höhlen und alten Kirchen zu bestaunen. Unser Abenteuerherz schlägt sofort schneller, auch wenn uns ein eiskalter, ungemütlicher Wind entgegenschlägt. Außerdem baut sich vor uns eine dunkelgraue Regenfront auf, die uns dann doch umkehren lässt. Nebelschwaden ziehen durch das Tal und lassen die Stadt noch verwunschener aussehen. Da wir das Fotografieren nicht lassen können und immer noch mehr Bilder einfangen, kommen wir komplett durchnässt zurück und wärmen uns erst einmal in unserer kuscheligen Höhle, bevor wir uns wieder an die Aufgabe machen, die traditionelle Küche Materas zu entdecken.

Die Stadt bietet viele authentische Restaurants, die die regionalen Klassiker anbieten. Allerdings kann man nicht in Italien sein, ohne eine Hammer Pizza zu essen. Das gilt zumindest für Yannic und so besuchen wir erst einmal eine neapolitanische Pizzeria mitten in der Altstadt. Der Teig für die Pizza geht hier 48 Stunden und ist damit schon fast fermentiert, der Rand ist dick, außen knusprigen, innen schön weich und aromatisch. Auch in diesem Restaurant wird wieder viel Wert auf regionale Produkte gelegt. Auf einer Sonderkarte ist die Herkunft aller Grundzutaten aufgelistet und erklärt. In allen Restaurants, die wir besuchen, ist die Sorgfalt, mit der jedes Produkt ausgewählt wird, zu schmecken.

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In den 4 Tagen, die wir in Matera verbringen, streifen wir oft einfach durch die alte Stadt, bewundern sie aus allen Winkeln. Immer wieder stoßen wir auf scheinbare Sackgassen, die sich bei genauem Hinschauen als weitere Eckwege entpuppen. Ein Labyrinth aus Stein und Höhlen. Bei Tag, aber vor allem in der Dämmerung, ist die optische Täuschung perfekt. Wenn alles in einem sanften, dunklen Blau verschwindet und die ersten warmen Lichter angehen, bekommt die Stadt noch einmal einen ganz anderen Charme. An einem Abend wollen wir genau diesen Moment abpassen, um ein schönes Panorama der Stadt zu fotografieren. Doch dann schlurft ein alter Mann auf uns zu, zieht uns am Ärmel und gibt uns zu verstehen, ihm zu folgen, während er auf Italienisch auf uns einredet. Er scheint uns wohl etwas zeigen zu wollen. Wir folgen ihm, in der Hoffnung auf einen besonders guten Ausblick oder einfach eine spannende Geschichte. Der Himmel wird zwar immer dunkler, wir wollen aber nicht unhöflich sein und lassen uns von ihm immer weiter durch das Labyrinth der Gassen führen. Er zeigt beim Gehen auf Besonderheiten, wie eine altertümliche Katzenklappe, über die er lacht, oder die alten Regenrinnen in den Gassen. Er erzählt immer wieder vom Haus seiner Kindheit und zeigt jedes Mal eine weitere Treppe nach unten. Scheinbar dort angekommen, deutet er auf versteinerte Muscheln in einer Hauswand und erzählt uns auf Italienisch bestimmt viele spannende Dinge, die wir leider nicht verstehen. Irgendwann schaffen wir es uns von ihm zu verabschieden und hetzen schnell wieder die vielen Stufen zu unserem Aussichtspunkt nach oben, um das letzte Licht einzufangen.

Dann ist wieder Zeit für Essen. Wir probieren so viele Spezialitäten wie möglich, zum Beispiel die klassischen Gebäckkringel Taralli und natürlich Orecchiette, die hier ihren Ursprung haben. Die Öhrchennudeln sind das kulinarische Symbol der Stadt Bari, werden aber in ganz Apulien und Umgebung gegessen und gelten sogar als Nationalgericht. Ein typisches Rezept sind Orecchiette alla pugliese, mit cima di rapa, einem Stängelkohl ähnlich wie Broccoli, dazu Knoblauch, Olivenöl und Chili, fertig.

Wir essen allerdings nicht nur die klassische Variante, sondern auch Orecchiette in einer würzigen Kürbissauce, verfeinert mit Peperoni Cruschi. Das sind getrocknete Spitzpaprika, die in Olivenöl geröstet werden.

Außerdem dürfen wir einen Blick in eine traditionelle Bäckerei werfen. Dort erfahren wir alles über die Zubereitung der Pane di Matera und sehen staunend dabei zu, wie hunderte Brote aus dem alten Ofen gezogen werden. Sorgfältig werden sie befühlt, manchmal gedreht und wieder an einen anderen Ort im Ofen zurückgeschoben, bis sie schließlich alle goldgelb sind und herrlich duften.

Bei der Tour erfahren wir außerdem noch vieles über die Geschichte der Stadt. Die Wurzeln liegen noch viel weiter zurück, als wir dachten. Schon 9000 Jahre. Der Wahnsinn! Außerdem erfahren wir, dass Matera vor vielen Jahrtausenden unter dem Meeresspiegel lag. Wir denken an unseren alten Freund zurück und an die versteinerten Muscheln in der Hauswand. Sie müssen schon seit ewigen Zeiten dort im Gestein geschlummert haben, das dann zu seinem Heim wurde. Erst jetzt wird uns so richtig bewusst, dass er als Kind einer der Bewohner gewesen ist, die in die neu gebauten Außenbezirke der Stadt zwangsumgesiedelt wurden. Auch wenn viele der Menschen nicht mehr in die damals herrschenden ärmlichen Verhältnisse zurückwollten, so hat er scheinbar ganz besondere Erinnerungen mit der Zeit in den Sassi verbunden und in seinen Augen war der Stolz zu sehen, Teil dieser Geschichte zu sein.

An unserem letzten Tag, einen Tag vor Weihnachten, wecken uns die ersten Sonnenstrahlen um 7.00 Uhr. Wir haben noch eine kleine Wanderung geplant um im passenden Licht zwei Fotos nachzuschießen. Danach wartet ein letztes Mal das wunderbare Frühstück auf uns. Wir stärken uns, packen unseren Krempel zusammen und machen uns auf, Richtung Ostuni, zum zweiten Teil unserer Italienreise.

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